Mirola

Mit der Hexe MIROLA durch den Zauberwald

Für jedes Kind soll der Schulanfang als Start in eine neue Lebenssituation gut gelingen. Dazu gehört in erster Linie, dass es sich individuell angenommen fühlt, weil sich die Schule auf seine Situation gut einstellen kann.

Die Lehrerinnen erhalten erfahrungsgemäß über einzelne Kinder Hintergrundinformationen, selten aber einen Überblick über die Möglichkeiten aller Kinder ihrer Lerngruppe. Der Anspruch ist jedoch, von allen Kindern zu wissen, was sie in die Schule mitbringen und wie sich ihr Lernen vollzieht. Der Anspruch umfasst auch, den Unterricht so zu gestalten, dass jedes Kind da abgeholt wird, wo es steht, dass jedes Kind die Förderung erhält, die es benötigt.

  • Was muss/möchte ich von jedem Kind wissen?
  • Was bringt das einzelne Kind mit?
  • Welche grundlegenden Erfahrungen hat es schon gemacht?
  • Welche Lernstrategien hat es?
  • Freut es sich auf die Schule?
  • Was bereitet ihm Mühe?

Dieser förderdiagnostische Ansatz liegt neben anderen Aspekten der Schulanfangsbeobachtung „MIT MIROLA DURCH DEN ZAUBERWALD" zugrunde. Das Verfahren hat zum Ziel, die Lernausgangslage und den Entwicklungsstand jedes Schulanfängerkindes zu erfassen und einen Austausch der Lehrkräfte über die Beobachtungen zu initiieren.

 

Zum Konzept der Schulanfangsbeobachtung

Die Beobachtungshilfen für den Schulanfang bestehen aus drei Elementen, die in der Addition ihrer Ergebnisse eine relativ genaue Aussage über den Entwicklungsstand des einzelnen Kindes zulassen und eine angemessene Förderdiagnostik ermöglichen.

  • Die Spielhandlung „MIT MIROLA DURCH DEN ZAUBERWALD"
  • Die Auswertung und die Beratungsgespräche
  • Die Beobachtung im Anfangsunterricht

Bei dem Verfahren handelt es sich um ein Gruppenspiel für 6 bis 8 Kinder. Die Schulanfänger werden in Kleingruppen eingeteilt.

Jeder Spieldurchgang wird begleitet von

  • der Spielleiterin, die mit den Kindern agiert,
  • 2 bis 3 neutralen Beobachtern (und nach Möglichkeit die zukünftige Klassenlehrerin)

Die Kinder werden zusammen mit MIROLA Akteure einer kleinen Geschichte und erledigen Aufgaben, die MIROLA helfen, in die Schule zu kommen, um lesen zu lernen. Die Kinder erleben und gestalten das Spielgeschehen aktiv mit und verhalten sich dabei spontan und authentisch. Die Beobachter verfolgen den Spielablauf und die Reaktionen aller Kinder des Einschulungsjahrgangs, bewerten die Ergebnisse und notieren diese während des Ablaufs. Die Dokumentation umfasst Verhaltensweisen, Reaktionen und Ergebnisse zu den entsprechenden Aufgaben. Somit erhalten die Lehrkräfte zu wesentlichen Bereichen Aussagen zu jedem Kind. Es entsteht eine Form von Transparenz, die viele Lehrerinnen als wohltuend empfinden.

 

Die Spielhandlung

„Mit MIROLA durch den Zauberwald"

Die kleine MIROLA ist zwar schon 100 Jahre alt, kann aber immer noch nicht lesen – und dafür schämt sie sich. Sie möchte nun endlich auch in die Schule gehen. Mit dieser Einführung sind die Kinder in ihrer eigenen Situation als Schulanfänger angesprochen. Sie werden von MIROLA in die Geschichte als Ratgeber und Helfer bei den vielen Aufgaben einbezogen, die sie auf ihrem spannenden Weg durch den Zauberwald lösen muss.

Für die Spielleiterin liegt die Herausforderung unter anderem darin, in der Anfangssequenz die Kinder in die Geschichte zu „entführen". Über das Kennenlernen von MIROLA und die erste, relativ leichte Aufgabe gelingt dies in der Regel gut. Die Spielleiterin wird zur Geschichtenerzählerin und Akteurin für MIROLA. Sie bekommt von MIROLA alle Hinweise ins Ohr geflüstert. Sie wird zur Vermittlerin zwischen MIROLA und den Kindern. Auch werden die Figuren, die MIROLA und den Kindern im Zauberwald begegnen, immer so vorgestellt, dass niemand vor ihnen Angst haben muss.

Der Abfolge der Aufgaben während der Spielhandlung liegen folgende Überlegungen und Erfahrungen zugrunde:

  • Motorische Aufgaben wechseln mit Konzentrationsaufgaben
  • Anspannungs- und Entspannungsphasen finden Berücksichtigung
  • Gruppenaufgaben wechseln mit Einzelaufgaben
  • Ruhige Einzelaufgaben liegen am Ende

Der Raum für den Zauberwald wird vorher mit Tüchern und Stationenbildern so gestaltet, dass er atmosphärisch das Eintauchen in die Geschichte unterstützt.

Er sollte nicht zu groß sein, eine Sporthalle z. B. wäre nicht gut geeignet.
Die Klassenlehrerin und die Beobachterin sind bereits da, wenn die Gruppe im Zauberwald ankommt. Sie wandern von Station zu Station mit, ohne dass die Kinder erfahrungsgemäß von den beiden Beobachtungspersonen besondere Notiz nehmen.

Ein Durchgang durch den Zauberwald dauert ungefähr zwei Schulstunden. Diese Zeit stellt für Kinder und Lehrkräfte eine hochkonzentrierte Phase dar. Mit Blick darauf, dass Schulanfänger Schultage mit vier oder fünf Schulstunden bewältigen müssen, ist diese Phase eine realistische Zeitspanne. Ermüdungserscheinungen und das Nachlassen der Konzentration können registriert und auf das Bewältigen eines ganzen Schultags hochgerechnet werden.
Die Rahmengeschichte von „MIT MIROLA DURCH DEN ZAUBERWALD", die genaue Beschreibung der Spielstationen, der Ablauf der Aufgaben, der Fortgang der Handlung und die Einrichtung des Raumes sind in der veröffentlichten Version des Verfahrens (Finken Verlag) beschrieben, die Materialien zur Durchführung sind in der angebotenen Materialsammlung enthalten.

 

Beobachtung und Dokumentation

Die Beobachter/innen dokumentieren ihre jeweiligen Beobachtungen auf dem vorgegebenen Beobachtungsbogen anhand der beschriebenen Items. Vorgesehen ist darüber hinaus die Dokumentation von Verhaltensweisen der Kinder und von Eindrücken aus dem Gesamtgeschehen. Die Beobachtung zielt auf Kompetenzbereiche, die erfahrungsgemäß auf erfolgreiches Lernen und Arbeiten am Schulanfang Einfluss haben.
Die zu beobachtenden Kompetenzbereiche sind:

  • Grobmotorik
  • Sprachkompetenz
  • Feinmotorik
  • Artikulation
  • Wahrnehmung
  • Phonologische Kompetenz
  • Pränumerische Kompetenz
  • Merkfähigkeit
  • Lateralität Arbeitsverhalten und
  • Sozial-emotionales Verhalten

Die Beobachtungsaufgaben stellen sich unterschiedlich schwierig dar. Es gibt Einzelaufgaben, die leicht zu beobachten sind (z. B. alle grobmotorischen Aufgaben), aber auch Gruppenaufgaben, bei denen die Beobachtung viel Konzentration und auch spontane Abstimmung zwischen Spielleiterin und Beobachtern erfordert (z.B. das Fingerspiel).
Arbeitsergebnisse wie die Aufgabenblätter A/B, die Perlenketten und die Legeaufgaben können auch nach Beendigung des Spiels festgehalten werden.
Im Spiel scheinbar unbedeutende Verhaltensreaktionen sollten in beschreibender Weise registriert werden. Manchmal liefern sie in der Gesamtauswertung Hinweise auf bedeutsamere Dinge oder geben Anlass für Nachfragen.

 

 

Hinweise zur Beobachtung der Sprachkompetenz

Beim Weg durch den Zauberwald besteht der Grundsatz, dass die Spielleiterin alle Aufgaben erklärt, vormacht und unbekannte Begriffe benennt. Das heißt, die Kinder können sowohl durch Beobachtung als auch über die Erklärungen die Aufgabenstellung erfassen. Kinder, deren Deutschkenntnisse gering sind, sind daher trotzdem in der Lage alles mitmachen zu können.
Interessant sind in diesem Zusammenhang Beobachtungen bei sprachlichen Aufgaben (Reimwörter, Anlautbilder), die in der Evaluationsphase gemacht wurden. Es zeigte sich, dass Kinder, denen Begriffe nicht geläufig waren und diese erst im Spielgeschehen von der Spielleiterin oder anderen Kindern genannt bekamen, diese Aufgaben trotzdem lösen konnten. Sie hatten in der Muttersprache entsprechende phonologische Kompetenzen bereits erworben und konnten sie übertragen.

 

Die Auswertung und die Beratungsgespräche

Erkenntnis aus der Erprobungsphase des Verfahrens ist, dass der Auswertungsprozess der Schulanfangsbeobachtung weiterführende Wirkungen auf die Zusammenarbeit und die Reflexion von Ergebnissen im Lehrerinnenteam hat. Bedingt durch die gemeinsame Beobachtungssituation und den Austausch darüber entstehen pädagogische Beratungsgespräche von hoher Intensität. Diese erfordern einerseits gegenseitige Offenheit sowie die Bereitschaft, eigene Einschätzungen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu relativieren. Andererseits können diese Gespräche auch Rückhalt geben und eigene Erfahrungen stützen. Von vielen Lehrkräften wurde rückgemeldet, dass durch die einmalige Gelegenheit, sich über Kinder auszutauschen, Konsequenzen für die Unterrichtsgestaltung gezogen werden konnten.
Bemerkenswerte „Abweichungen" im Verhalten mancher Kinder innerhalb des Spiels im Vergleich zum Klassenunterricht gilt es zu hinterfragen. Welche Bedeutung haben u. U. die festen Strukturen im Ablauf, die Qualität der Instruktionen, die kleinere Gruppe usw.? In vielen Fällen lassen sich daraus Überlegungen für den Klassenunterricht oder Fragen an die Eltern ableiten.

Die Beratungsgespräche sind ein Beispiel für den Nutzen von Teamarbeit und können entsprechende Impulse geben. Neben der Erweiterung der diagnostischen Fähigkeiten kommt es zu einer sehr praxisrelevanten Form von Kompetenztransfer.

 

Zum Zeitpunkt der Durchführung

In der Gartetalschule sind die verschiedensten Zeitpunkte zur Durchführung der Mirola erprobt worden. Im Jahr 2017 ist es uns gelungen, die Kinder in vier Gruppen, während der Unterrichtszeit einzubinden. Durch die gute Kooperation zwischen dem Kita-Team und den teilnehmenden Lehrerinnen der Gartetalschule, hatten alle Beteiligten ein hochmotiviertes und dennoch entspanntes Mirola- Erlebnis.

Die Konzeption sieht vor, dass die Lehrerin, die in den folgenden Jahren mit den Kindern arbeiten wird, möglichst in das Verfahren eingebunden ist. Sie soll aus eigener Beobachtung und eigenem Erleben sowie aus dem Gespräch mit den beteiligten Kolleginnen genauere Informationen über jedes Kind bekommen, um sie für die Gestaltung des Anfangsunterrichts nutzen zu können. Sie ist es, die die Kinder in ihrer Individualität anerkennen, fördern und fordern soll, und dafür benötigt sie authentische Beobachtungen. Das Dabeisein und das nachfolgende Besprechen der Eindrücke bestimmen die Qualität der Erfahrungen und den Zugewinn an diagnostischer Kompetenz.

Für die Kinder ist das gemeinsame Erleben eine Gelegenheit, sich in kleiner Gruppe mit Mitschülerinnen und Mitschülern vertrauter zu machen. Sie zeigen in dieser „Vertrautheit" emotionale Reaktionen und soziale Verhaltensweisen, die aufschlussreich für die Klassensituation sein können. Die Kinder tauchen erfahrungsgemäß intensiv in das Spielgeschehen im Zauberwald ein. Die Begeisterung über MIROLA hält viele Wochen an, das Lied wird immer wieder gesungen.